Kompetent recherchierte nachvollziehbare Lawinenlektüre
VORTEILE
- Übersichtlich
- Aktuell
- Einfach verständlich
- Für alle Wintersportler geeignet
- Systematischer Aufbau
NACHTEILE
BEWERTUNG
Im Test: „lawine. Das Praxis-Handbuch von Rudi Mair und Patrick Nairz. Lawinenwissen – komplett überarbeitet, mit den neuesten Unfallanalysen 7. Aktualisierte Auflage 2020 aus der Verlagsanstalt Tyrolia“


Vorliegend geht es also um die Bewertung der Neuauflage des absoluten Standardwerks und Bestsellers im Bereich der Lawinensicherheit.
Für alle, die noch keinen Kontakt zu diesem Werk hatten einmal kurz vorab: Die Autoren beschäftigen sich bereits seit vielen Jahren mit den Gefahren im Gelände im Zusammenhang mit Lawinen. Zum Zweck der Sammlung ihres Wissens und der Aufklärung von Bergsportlern über diese entstand im Jahr 2010 erstmals das Buch „lawine.“. In diesem werden Interessierte über die bestehenden Gefahren und mögliche Analysen derer aufgeklärt. Dabei analysieren die Autoren jede Saison entstandene Unfälle und nehmen neue Erkenntnisse und Gefahrenmuster ins Buch auf, um stets das neue Wissen zur optimalen Gefahrenabwehr bereitzustellen. Der Blick in die regelmäßig erscheinenden Neuauflagen kann also sehr lohnenswert sein!
Im Vorwort des Buches heißt es: „Am 08.04.2009 unternimmt ein erfahrener Bergrettungsmann eine Skitour auf den knapp 3000 m hohen Zischgeles in den Stubaier Alpen. Nach einer sternenklaren Nacht ist die Schneedecke in den Morgenstunden hart gefroren. Ein Firnenerlebnis par excellence sollte die Belohnung für den frühen Aufbruch sein. Die Abfahrt endet in einer Tragödie. Der Mann stirbt um 10:50 Uhr in einem selbst ausgelösten Schneebrett auf 2000 m Seehöhe.“ Direkt darauf wird ein weiteres Beispiel eines tragischen Unfalls.
Diese zunächst brutal und abschreckend erscheinende Einleitung nutzen die Autoren als Stilmittel, um die bestehenden Gefahren im freien Gelände sowie die Bedeutung der richtigen Einschätzung dieser darzustellen. Es wird unmittelbar klar, dass der Schneesport im Gelände tödliche Gefahren birgt und selbst erfahrende Bergsportler vor diesen nicht zwingend geschützt sind. Damit wird deutlich, dass eine ständige Aktualisierung und Auffrischung seines Wissens zwingend für den Schutz des eigenen Lebens sind.
Aber bei aller Abschreckung geht es nicht darum die Leser von der Bewegung im freien Skiraum abzuhalten, sondern vielmehr darum, diesen aufzuklären und damit künftig tragische Unglücke zu vermeiden. Die Auswertung der Unfälle ermöglicht die formulierte Darstellung eines Systems von Gefahrenmustern, die dem Bergsportler eine sichere Planung ermöglichen und unter Umständen sogar sein Leben retten soll.
Zunächst einmal kurz zu den beiden Autoren:

Sie haben sich beruflich und privat ganz der Analyse von Lawinenunfällen verschrieben.
Rudi Mair studierte Meteorologie und Glaziologie an der Universität Innsbruck. Im Zeitraum zwischen 1988 bis 1990 arbeitete er als Wissenschaftler am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung und verbrachte seine Zeit überwiegend auf der Georg-von-Neumayer-Station in der Antarktis. Seit 1990 ist er zurück in Österreich und arbeitet beim Lawinenwarndienst in Tirol. Diesen leitet er ist seit 1999 und ist überdies seit 2000 als Gerichtssachverständiger für Meteorologie, Lawinenkunde, Lawinenunfälle und Lawinenschutz tätig. Seit 2011 unterrichtet Mair zudem als Universitätslektor für Lawinenkunde. Ein interessanter Artikel findet sich auch >>hier<<.
Patrick Nairz studierte Wildbach- und Lawinenverbauung in Wien und Vancouver. Im Jahre 1995 schloss er erfolgreich die Ausbildung zum staatlich geprüften Skitoureninstruktor ab und schloss sich 1998, nach bestandener Prüfung, der örtlichen Bergrettung an. Seit 1999 fungiert er stellvertretender Leiter des Lawinenwarndienstes in Tirol unter Rudi Mair. Im Zeitraum zwischen 2009 bis 2013 trug er mit seinem Wissen als Leiter der Arbeitsgruppe der europäischen Lawinenwarndienste zu einer Bündelung der gesammelten Lawinenerkenntnisse der Union bei.
Dies zeigt schon, die beiden Autoren sind auf dem Gebiet der Lawinen absolute Koryphäen! Vor ungefähr fünf Jahren führten sie dann gemeinsam das von ihnen entwickelte Konzept der Gefahrenmuster in die Lawinenkunde ein. Die Erkenntnis, dass immer wieder die gleichen Gefahrenmuster für einen Großteil der Lawinenunfälle verantwortlich sind und dass – bei entsprechender Kenntnis und angemessenem Verhalten – Unfälle dieser Art vermeidbar wären, führte zu neuen Standards im Umgang mit den bestehenden Gefahren und hat mit Sicherheit schon sehr viele Unfälle vermieten.
Der Aufbau des Buches gestaltet sich wie folgt:
Zunächst werden die aktuellsten Entwicklungen und die europaweit einheitliche Struktur der Lawinenvorhersagen anhand einer Informationspyramide vorgestellt und Grundlagen der Gefahrenstufen sowie, warum und für wen dieses Werk ist dargestellt. Im Übrigen werden wichtige Definitionen angeführt und die 10 Gefahrenmuster, auf die später in Einzelheiten eingegangen wird, im Überblick genannt.
Es folgt dann die Darstellung der 5 Lawinenprobleme: Neuschnee, Triebschnee, Altschnee, Nassschnee und Gleitschnee. Diese werden immer nach dem Muster „was? wo? warum? wann? und wie gehe ich damit um?“ vorgestellt.

Diese grundlegenden Probleme werden in der Folge ebenfalls vorgestellt und in die 10 entscheidenden Gefahrenmustern untergliedert und ausführlich vertieft.
Als Beispiel sei hier einmal das Gefahrenmuster 6 „lockerer Schnee und Wind“ dargestellt (alle weiteren Gefahrenmuster sind ebenso aufgebaut):
Anhand eines Kreisdiagramms, welches nach Himmelsrichtungen ausgerichtet ist und ebenfalls die Höhenlage bezeichnet, wird mit Hilfe von Farbintensität die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Lawine bei diesem Gefahrenmuster dargestellt. Des Weiteren lässt sich anhand eines Zeitstrahls direkt übersehen, in welchen Monaten das Gefahrenmuster die größte Gefahr darstellt. Dies ermöglicht einen schnellen ersten Eindruck und ermöglicht einen einfachen Einstieg in eine Tourenplanung.


Mit einer Beispielszene aus der Praxis wird dieses Gefahrenmuster exemplarisch erklärt, so dass der Leser für die Erkennbarkeit sensibilisiert wird. Der Theorieteil gewinnt durch den Praxisanteil bzw. die Beispiele an Lebendigkeit und selbst der unerfahrene Leser erhält damit eine vereinfachten Zugang zur jeweiligen Problematik. Dabei fehlt es auch nicht an farbigen Bildern und Abbildungen, die den Lawinenabgang zu verstehen lernen helfen.


Prominent hervorgehoben wird in einem rot umrandetet Kasten, woran man schließlich dieses Gefahrenmuster erkennt. Aber auch eine eigene Sparte wie das „Hintergrundwissen“, in diesem Fall zu lockerem Schnee und Wind bietet weitere wichtige Informationen. So werden zum Beispiel die Windrichtung und Windgeschwindigkeiten an dieser Stelle näher beleuchtet:
- Was sind die speziellen meteorologischen Verhältnisse im Früh-, Hoch- und Spätwinter oder im Frühjahr?
- Wie wirken sie sich auf die Schneedecke aus?
- Und vor allem: Welche Risikomomente entstehen daraus?



Die Darstellung punktet dabei durch seine Übersichtlichkeit und Nachvollziehbarkeit. Dies gilt meiner Meinung nach für alle Teile des Werkes, was dazu führt, dass man das zunächst sehr umfangreich wirkende Buch schnell durcharbeiten kann. Im Anschluss ist man mit diesem innovativen Ansatz der Aufarbeitung durch Mair und Nairz in punkto Lawinenwissen sehr gut aufgestellt. Das Buch fasst nämlich die gängigen Strategien des Risikomanagements (z. B. „3×3“ oder „Stop or go“) zusammen und ergänzt sie umfangreich. Entstanden ist so ein Buch aus der Praxis für die Praxis, spannend und lehrreich zugleich, ohne belehrend zu sein.
Als Fazit bleibt damit festzuhalten, dass sich die Beschäftigung mit dem Werk „lawine.“ für alle Wintersportbegeisterten in jedem Fall lohnt. Natürlich ersetzt das Buch keine Ausbildung am Berg, es ist jedoch eine hervorragende Ergänzung dazu und optimal geeignet sein Wissen zu vertiefen und zu aktualisieren.
























































