Ines Papert zählt zu den prägenden Persönlichkeiten des modernen Eis‑ und Mixedkletterns: mehrfache Weltmeisterin, Pionierin im hohen Schwierigkeitsgrad und seit Jahrzehnten eine treibende Kraft bei alpinen Erstbesteigungen. Ines hat weltweit neue Routen in großen Nordwänden, abgelegenen Gebirgen und extremen Mixedlinien erschlossen – stets sauber, frei und mit hohem ethischen Anspruch.
„Man muss etwas versuchen, um es zu erreichen.“
Ihre besondere Stellung in der Kletterszene ergibt sich aus der seltenen Verbindung von Wettkampfniveau, alpinem Weitblick und konsequenter Erstbegehungsarbeit. In den letzten Wochen hat sich im Nordwesten Norwegens vier neue Linien durch steile Eisstrukturen und Mixed-Passagen eröffnet.
Der letzte Erfolg: vier Linien bzw. Routen, vier Erstbegehungen
Januar/Februar 2026. In Sunndalen und Eikesdal im Nordwesten Norwegens nimmt Ines ein spannendes Projekt in Angriff: Vier neue Routen hat sie im Visier.
Was auf dem Papier nach einer beeindruckenden Sammlung neuer Routen klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als außergewöhnliches Vorhaben: lange, komplexe Mixed- und Eisrouten, sauber und frei geklettert, mit anspruchsvollen Zustiegen, langen Abseilabfahrten und Entscheidungen, die weit über reines Klettern hinausgehen.
Ines Papert hat gemeinsam mit ihren Seilpartnern Neuland betreten – in einem Gebiet, das trotz seiner dramatischen Wände lange im Schatten bekannterer norwegischer Destinationen stand. Diese Erstbegehungen sind keine zufälligen Entdeckungen, sondern das Ergebnis von Erfahrung, präziser Beobachtung und intensiver Vorbereitung – getragen von enger Zusammenarbeit mit lokalen Kletterern, die das Gelände, die Bedingungen und seine Risiken kennen.
Wir haben mit Ines Papert über ihr Projekt gesprochen. Die Routen findet ihr weiter unten.
Interview mit Ines Papert über ihr Norwegen-Projekt
OUTSIDEstories: Vier Erstbesteigungen in so kurzer Zeit – was ging dir in dem Moment durch den Kopf, als du realisiert hast, was ihr da geschafft habt?
Ines: Das Eis kommt und geht, wir sind Linien geklettert, die ohne kalte Temperaturen nicht kletterbar sind. Dann bist du zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Oben angekommen, stellen sich Glück, Zufriedenheit und etwas Stolz, aber auch unendlich große Dankbarkeit, dass ich dies mit meinen Freunden aus Norwegen jeweils erleben durfte. Aber am Ende bleibt die Frage: Was ändert das für den Rest der Welt?
Meine Antwort wird immer klarer: Solange ich Erfolge nur medial kundtue, gibt es vielleicht eine Handvoll Kletterer, die meine Routen wiederholen möchten. Ist das genug? Ich glaube nicht, und damit hat sich meine Begeisterung für Programme, in denen ich junge Alpinistinnen fördere und als Kletterlehrer Frauen begleite, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die uns hemmen, am Berg (und manchmal auch im Leben) unsere Träume zu erfüllen. Uns unseren Ängsten zu stellen und uns etwas zuzutrauen. Das gelingt mir immer besser, scheinbar bin ich eine gute Motivatorin ;-)
OUTSIDEstories: Gab es einen Punkt, an dem du dachtest: „Das wird nichts“ – und wie hast du dich da mental zurückgeholt?
Ines: Beim Bergsteigen bin ich oft mit dem Scheitern konfrontiert, und so war es auch in Gjølatappen (eine der Erstbegehungen), da ich sie nicht onsight klettern konnte. Ich habe die Gründe analysiert und bin mit viel mehr Wissen zurückgekehrt. Dann hat es geklappt. Ich mache mir hier niemals Druck und lasse auch keinen Druck von außen an mich herankommen. Das ist wahrscheinlich eine außergewöhnliche Stärke, die nicht vielen Menschen geschenkt ist.
OUTSIDEstories: Was war die größte Herausforderung dieser Expedition: das Gelände, die Kälte, die Exposition oder eher mentale Aspekte?
Ines: Mental fühle ich mich stark, wenn ich gut vorbereitet bin. Das betrifft das Wissen um den Berg, eine klare Idee (Vision) zu haben und physisch gut vorbereitet zu sein.
Die Kälte ist immer ein Thema, aber wenn ich mich entschieden habe, sie zu ertragen, ist es viel einfacher. Ich weiß heute mehr als früher, wie man sich kleidet (hab hier ein gutes System gefunden), um beweglich zu bleiben und trotzdem nicht zu frieren.
OUTSIDEstories: Wofür benötigt man mehr Mut: den ersten Schritt auf eine unbekannte Linie – oder das Eingeständnis, dass man eine Route wiederholen muss?
Ines: Die größte Herausforderung war es, den Mut aufzubringen, mit Kletterern unterwegs zu sein, die ich kaum kenne. Aber da habe ich auch in all den Jahren gelernt, worauf es ankommt. Nicht die großen Töne, aber die kleinen Taten. Ob ich Menschen mag oder nicht, kann ich sehr schnell feststellen. Und da hier die Chemie von Anfang an richtig gut gepasst hat, war es keine echte Herausforderung mehr.
Die schweren Stellen/frei hängende Eiszapfen anzuklettern, blieben aber bis dorthin ein Fragezeichen. Denn du weißt nie, ob da ein Riss hinführt, an dem ich mich sichern kann. Meine Antwort hier: Du kannst es nur herausfinden, wenn du es probierst. Der erste Schritt erfordert den größten Mut. Nachher hast du ja schon wichtige Informationen auch bezüglich Risiko.
OUTSIDEstories: Wie hält man diese intensiven Tage durch – körperlich und mental –, wenn man jeden Tag vor Sonnenaufgang startet und erst nachts zurückkommt?
Ines: Alles nur Kopf und Training ;-) Ich habe oft genug erfahren, dass der Mensch viel belastbarer ist, als er denkt. Wenn ich mal einen Einbruch habe, übernimmt ein anderer die Führung und umgekehrt. Das ist völlig selbstverständlich.
OUTSIDEstories: Welche Skills oder Erfahrungen waren auf diesen Linien besonders entscheidend – Mixed-Klettern, Eis, mentale Ruhe … was war der Schlüssel?
Ines: Jahrzehntelange Erfahrung hat sicher geholfen. Dass dein Auge die Linie als potenzielle Erstbegehung sieht, damit fängt es an. Aber wenn ich mich lange an meinen Eisgeräten festhalten kann, bin ich auch im Kopf stark. Körperliches Training ist für mich gleichzeitig das beste mentale Training.
OUTSIDEstories: Wie sah die logistische Vorbereitung aus? Wie plant man vier Erstbesteigungen in einem Gelände, das kaum jemand kennt?
Ines: Das war absolut nicht mein Plan. Es hat sich so ergeben, wie vieles im Leben sich ergibt, wenn man es sich wünscht. Aber die Unterstützung und wertvolle Informationen von meinen Freunden dort haben natürlich sehr geholfen.
Materialmäßig habe ich fast immer das Gleiche dabei in Erstbegehungen. 1–2 Sätze Totems und ein paar Haken und Peckers, Eisschrauben natürlich.
Wenn du hochschaust, kannst du schon die grobe Schwierigkeit abschätzen. Entsprechend nehme ich mehr oder weniger mit. Eine Schnur, (Tagline), um die Rucksäcke nachzuziehen in schwierigen Seillängen, hilft auch immer. Und den Abstieg hast du auch schon vorher geplant. Damit es in der Nacht keine Überraschungen gibt (gibt es trotzdem noch genug ;-).
OUTSIDEstories: Wie organisiert man Sicherheit, Rettungsoptionen und Kommunikation in solchen abgelegenen Regionen – besonders in Norwegen im Winter?
Ines: Ich habe, wie gesagt, immer Glück im Leben. Meine Begleiter dort sind alle Mitglieder der Bergrettung, aber deren Hilfe möchte man trotzdem niemals beanspruchen. Wie man ohne fremde Hilfe zurückkommt im Notfall, hat man immer im Kopf.
Du hast mit mehreren norwegischen Kletterern zusammengearbeitet. Was macht ein gutes Erstbegehungsteam aus?
Ines: Oft sind es unterschiedliche Fähigkeiten und dass diese optimal eingesetzt werden (da muss jeder mal einen Schritt zurückmachen und den anderen vorausgehen lassen). Spaß ist ganz wichtig. Solange gelacht wird, ist alles andere gar nicht so stressig. Schnelligkeit ist ein großes Thema im Winter – denn sonst wird es echt unangenehm. Meine Jungs waren wie der Blitz.
OUTSIDEstories: Gab es Momente, in denen ihr Entscheidungen getroffen habt, die nur funktionieren, weil ihr euch blind vertraut?
Ines: Irgendwie schon, immer wieder … denn sonst wären wir gar nicht zusammen eingestiegen.
OUTSIDEstories: Wie finanziert man eine solche Expedition? Welche Kosten kommen realistisch zusammen – von Ausrüstung über Reisen bis zu Sicherheit?
Ines: Schwierige Frage: Ich bin in der glücklichen Situation, dass meine Sponsoren mein Leben als Alpinistin unterstützen und in dem Fall Arcteryx das Projekt zusätzlich unterstützt habt.
Gesamtkosten der Reise ca. 3.000 € (ich war fast einen Monat dort) zzgl. dem Material, das aber Teil meines Sponsorings ist. Alles zusammen sicher sehr teuer, aber genaue Zahlen kann ich nicht nennen. Ich nutze ja die Ausrüstung auch sonst und habe sie nicht nur dort genutzt.
OUTSIDEstories: Welche Art von Unterstützung benötigst du – Sponsoren, Partner, lokale Community? (hier kannst du auch deinen Sponsor nennen).
Ines: Mein Hauptsponsor ist Arc’teryx, uns verbindet eine sehr lange und schöne Zusammenarbeit. Ebenso zählt Lowa als deutscher Bergschuhhersteller zu meinen langjährigen Partnern. Camp rüstet mich seit ca. 2019 mit Hardware aus. Ich liebe deren italienische Mentalität und die Firmenphilosophie, aber auch das Material – das ich wie bei allen mitentwickle, teste und dann sehr kritisch bis zum Ende, einmal für gut befinde.
Die Community ist ein essenzieller Faktor: Ein Trip wie dieser steht und fällt mit deren Unterstützung. Ich bin ein zugänglicher Mensch und wenig scheu, es fällt mir nie schwer, dort aufgenommen zu werden. Man unterstützt sich am Ende gegenseitig, anders geht es für mich nicht.
Und zum Schluss: Welches Projekt wartet als Nächstes auf dich – falls du das schon verraten möchtest?
Ines: Hier hülle ich mich gerne noch in Schweigen ;-)
Vielen Dank für deine Antworten und viele Erfolge weiterhin.
Die Routen der Erstbegehung und der drei Erstbesteigungen
ERSTBEGEHUNG: Fleeting Glory – 750 Meter, M7+, WI6+
ERSTBESTEIGUNG: Gjølatappen – 350 Meter, M8, WI6
Ines: „Gjølatappen war die beeindruckendste von allen. Das Klettern durch hängende Eiszapfen hoch über dem Tal fühlte sich surreal an. Immer wieder zeigten sich hinter dem Eis versteckte Risse – perfekt für die Sicherung. Die Erkenntnis, dass sich hinter den gefrorenen Vorhängen fast immer eine sichere Verankerung verbarg, überraschte meine norwegischen Partner aufrichtig.“
Es bedurfte eines zweiten Versuchs, um endlich eine komplett freie Begehung dieser Route zu erreichen – eine Erinnerung daran, dass Beharrlichkeit oft Teil der Erschließung von Neuem ist.
ERSTBESTEIGUNG: Iskafe – 350 Meter, M5, WI6/6+
ERSTBESTEIGUNG: Orion’s Belte – 1000 Meter, M4+, WI5
(Dåg Jørund Vik, Odd T. Sæbø, Ines Papert) – 01.02.2026.
Noch eine Anekdote zum Schluss: „Eine der Routen sorgte sogar für Aufsehen in der Stadt. Als die Einheimischen uns beim Begehen einer zuvor unberührten Wand beobachteten, wuchs die Besorgnis, bis Polizei und Bergrettung alarmiert wurden. Wie ich später hörte, machten sich die Leute in der Stadt Sorgen um uns – vielen Dank! Und meine Entschuldigung für die Unruhe. Glücklicherweise hatte mein Freund die Polizei bereits informiert, dass wir in Sicherheit waren und keine Hilfe benötigten.“
Ines' Ausrüstungs- und Reisetipps
Weit mehr als diese Tools sind gar nicht nötig, um neue Routen zu erschließen.
- 1 Satz Totem Cams, plus einige zusätzliche kleinere
- 10 Eisschrauben (inkl. 7 cm)
- 1 Satz Klemmkeile
- 2 Eispickel
- 2 Eishaken
- Alpine Expressschlingen
- Einfachseil 60 m
- Zugseil 60 m
Unterkunft:
Sunndalsfjord Cottages in Fredsvik (in der Nähe von Sunndalsøra).
Anreise:
Trondheim, Molde oder Oslo
Flugtickets kannst du bei Travel Overland buchen.
[Haftungsausschluss: Diese Tour(en) wurde(n) nach bestem Wissen aufbereitet. Eine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben wird dennoch nicht gegeben. Das Befahren und Begehen erfolgt stets auf eigene Gefahr. Lies hier den vollständigen Haftungsausschluss.]