Darf's auch etwas mehr sein?
VORTEILE
- komplett abnehmbarer Deckel
- kein Schnickschnack
- geringes Eigengewicht
- großes Volumen (70l)
- sehr gutes Tragesystem
NACHTEILE
- ohne Regenhülle
- Dünne Befestigungsriemchen für Isomatte oder Zelt
BEWERTUNG
"Große Abenteuer erfordern großes Gepäck." Nicht immer, aber oftmals trifft diese Aussage zu. Mein "großes Abenteuer" war eine winterliche Skidurchquerung in Schwedisch Lappland im vergangenen Winter. Ich wusste, dass ich mindestens 6 Tage auf Skiern unterwegs sein werde und dafür alles Mögliche mitschleppen muss. Vom Essen über warme (und daher voluminöse) Kleidung bis hin zu den Schlappen für die Hüttenübernachtungen. Alles musste irgendwie verpackt werden. Und zu allem Überfluss muss das ganze so verpackt werden, dass man damit ca. 110km auf Skiern durch eisige Kälte hinter sich bringen kann. Mir war schnell klar, dass ich für diese Tour nicht mit einem Rollkoffer in Abisko ankommen sollte. Wichtig war mir bei der Auswahl des Rucksacks neben einem möglichst geringen Eigengewicht natürlich das gute Tragesystem.
Da sind mir dann die guten Erfahrungen, die ich im Rahmen von anderen Rucksack-Tests durch Outside-Stories gemacht habe, wieder in den Sinn gekommen: Osprey war immer sehr gut zu tragen, qualitativ hochwertig und eigentlich genau das Richtige, um sich in Ospreys Produktportfolio mal genauer umzuschauen. Nach längerer Überlegung bin ich dann auf den "Osprey Aether Pro 70" gestoßen, ein leichter Expeditionsrucksack ohne viel Schnickschnack. Das war mir insbesondere wichtig, da zusätzlicher Schnickschnack immer nur auch zusätzliches Eigengewicht des Rucksacks mit sich bringt.
Erster Eindruck:
Nach dem ersten Auspacken des Rucksacks war klar, dass mich die Osprey Webseite gut beraten hat. Der Rucksack macht einen sehr wertigen Eindruck und in den ersten Stunden gab es einiges zu entdecken: Hier kann man noch etwas abnehmen, dort kann man einen Riemen anders spannen, es gibt etliche Möglichkeiten, den Rucksack auf die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Ich musste natürlich auch im Auge behalten, an welchen Stellen ich außen am Rucksack Ausrüstungsgegenstände anbringen kann, da ich evtl. auch mal für einige Streckenabschnitte die Skier am Rucksack befestigen muss. Da man gerade in Nordschweden ja auch Nordlichter sehen und fotografieren möchte, musste auch ein Stativ mit ins Gepäck...so etwas bekommt man eher selten innerhalb des Rucksacks unter. Nach dem ersten Kennenlernen des Rucksacks habe ich diesen auch mal Probe getragen. Zum groben Einstellen der Träger, Gurte und Riemen erstmal ohne Beladung. Aber selbst dabei ist mir schon aufgefallen, wie gut man den Rucksack an die eigene Statur anpassen kann. Mal sehen, ob das dann auch noch für den beladenen Zustand gilt.
Der Rucksack auf Tour:
Als die Abreise so langsam näher rückte, ging es endlich ans packen des Rucksacks. 70l Volumen sind da schon ein Wort, da bekommt man einiges unter. Für so eine 10-Tägige Unternehmung (mit an und Abreise per Flugzeug und Bahn) waren die 70 Liter dann schnell befüllt. Mit dem Volumen des Rucksacks hatte ich zu keiner Zeit Probleme, das variable Deckelfach hätte ich sogar noch weiter nach oben versetzen können. Der Osprey Aether Pro ist ein Toploader, bepackt werden kann der Rucksack nur über den Deckel, es gibt keine weitere Zugangsmöglichkeit. Man muss sich also schon beim Packen Gedanken machen, was man wo im Rucksack unterbringt. Der Vorteil dieser Lösung ist allerdings ganz klar: Man spart Gewicht. Jeder weitere Zugang, sei es über Reißverschlüsse oder sonstige Varianten, bewirken einfach zusätzliches Gewicht. Knifflig bei so viel Volumen kann dann schnell mal das Gesamtgewicht des Rucksacks werden. In meinem Fall hatte brachte der Rucksack zu Beginn der Tour satte 23kg auf die Waage. Da bewegt man sich nur noch gemächlich.
Die breite Hüftflosse mit den doppelten Befestigungspunkten sind perfekt geeignet, um einen Großteil des Gewichts auf die Hüften zu übertragen, der Rest muss auf Schultern und Rücken verteilt werden. Am ersten Tag hatte ich schon die Befürchtung, dass das hohe Gewicht in den Folgetagen mehr und mehr zur Last wird und Druckstellen an Hüfte und Schulter auftreten, doch so viel kann ich vorwegnehmen: Das war nicht der Fall. Ok, auf den Skiern wurde es dann teilweise schon etwas wackelig, was jetzt aber nicht an diesem Rucksack lag, sondern einfach am Gesamtgewicht. Gleich am ersten Tag hatte ich allerdings doch noch einen lustigen Moment mit dem Rucksack: Ich habe mich mit der Höhe des Rucksacks ein wenig verschätzt. Der Rucksack hat meinen Kopf um ein paar Zentimeter überragt. Ein schräg hängender Baum, unter dem ich Packesel durchfahren musste, war da wohl etwas zu dicht und ich blieb mit dem überstehenden Teil der Rucksack an eben diesem Baum hängen...so schnell lag ich noch nie auf dem Rücken bzw. auf dem Rucksack. Aufstehen war dann nur möglich, indem ich im Liegen den Rucksack abgelegt habe, aufgestanden bin und dann den Rucksack wieder auf den Rücken geschwungen habe. Da musste ich selbst lachen...klarer Anwenderfehler...kann der Rucksack nichts für. In den kurzen Pausen habe ich einen weiteren Vorteil des Rucksacks nutzen können: In Schwedisch Lappland gibt es im Winter für ein Päuschen oftmals keine Sitzgelegenheit. Kein Baum, kein Stein, nichts. Da ist es dann geschickt, den Rucksack einfach der Länge nach in den Schnee zu legen und sich auf den Rückenteil zu setzen. Das hat der Rucksack Tag für Tag mitgemacht, ohne dadurch irgendwelche Verschleißerscheinungen davon getragen zu haben.
Für unterwegs habe ich mir schnell zu greifende Dinge wie Sonnen- oder Schneebrille ins voluminöse und von außen zugängliche Deckelfach gepackt, ein bisschen was zu essen in die ebenfalls voluminöse Hüftflossen-Tasche. Im Laufe der Tage ist mir der Rucksack immer mehr "an den Rücken gewachsen". Der Tragekomfort ist über die Tage nicht schlechter geworden und ich musste auch die Riemen und Gurte nicht großartig nachjustieren. Einmal eingestellt: Passt.
Interessant war auch eine Begegnung inmitten der kalten schneereichen Landschaft: Mir kam ein Amerikaner entgegen, zeigt auf meinen Rucksack und sagt: "Den Rucksack habe ich auch, das ist der Beste Rucksack, den ich je hatte". Das konnte und kann ich nur bestätigen.
Die Befestigungsmöglichkeiten außen am Rucksack habe ich insbesondere für mein Stativ verwendet. dieses habe ich im unteren Drittel des Rucksacks quer befestigt, an den Riemen, die sonst für die Isomatte geeignet erscheint. Dies hat immer gut gehalten, nicht gewackelt und ich musste mir keine Sorgen machen, ob ich das Stativ evtl. verlieren könnte. Seitlich verlaufen die Riemen von unten in einer Dreiecks-Form nach oben. Man könnte die Riemen auch komplett entfernen, wenn man diese nicht benötigt. Für die seitliche Befestigung der Fjellski waren die Riemen allerdings gut geeignet. Mittig hinten am Rucksack (also oberhalb der Isomatten-Befestigung) hat man zusätzlich die Möglichkeit, etwas zu befestigen, zum Beispiel eine Isomatte "im Hochformat".
Am Deckel sind genähte Ösen angebracht, auch hier könnte man noch Ausrüstungsgegenstände befestigen. Man hat also unzählige Möglichkeiten, den Rucksack auf die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Das zeigt, dass man sich bei der Entwicklung des Produkts Gedanken gemacht hat...und genau so wünsche ich mir es als Kunde.
Fazit:
Der großvolumige Osprey Aether Pro ist die erste Wahl, wenn es mal etwas mehr sein muss. Das Tragesystem ist Osprey-typisch sehr gut. Auch die gewichtsparende Bauweise ist insbesondere bei Reisen, bei denen man auf das Flugzeug angewiesen ist, relevant. Jeglicher Schnickschnack wurde konsequent weggelassen, was das Produkt in meinen Augen noch besser macht. Als Fazit kann ich dem Amerikaner, der mir begegnet ist, nur zustimmen: "Der beste Rucksack, den ich je hatte".



