Starker Allround-Tagesrucksack mit fehlender Regenhülle.
VORTEILE
- Sehr angenehmes Tragegefühl
- Schnelle Rückenlängenverstellung
- Angenehmer Hüftgurt mit zwei Taschen
- LidLock für Fahrradhelme
NACHTEILE
- Regenhülle nicht im Lieferumfang
- Hüfttaschen für größere Smartphones vermutlich zu kurz
BEWERTUNG
Ein Tagesrucksack muss sich bei mir schnell beweisen.
Nicht nur auf einer perfekten Testtour, bei der alles sauber gepackt ist und der Rucksack nur zeigen muss, dass er auf einem Wanderweg funktioniert. Sondern im Alltag dazwischen. Auf der Hausbergrunde. Am Rad. Beim Einkaufen. Am Trail. Mit Wasserblase. Mit Regenjacke. Mit Jause. Mit Zeug, das man gerade einfach wo hinbringen muss und irgendwie jetzt in den Rucksack rein muss.
Genau dort entscheidet sich für mich, ob ein Rucksack wirklich brauchbar ist.
Der Osprey Talon 22 kam bei mir in der Farbe Frosty Mint Green zum Testen an. Ich kenne Osprey bereits von mehreren Modellen, unter anderem Atmos, Glade und Duro. Die Erwartung war also schon da.
Osprey kann Rucksäcke bauen.
Das ist nicht die Frage.
Die Frage war eher:
Ist der Talon 22 wirklich die Eierlegendewollmilchsau unter den Tagesrucksäcken? Also einer, den man ständig nimmt, weil er für fast alles passt? Oder ist er am Ende doch nur ein sauber gemachter Wanderrucksack mit ein paar Multisport-Ideen?
Technische Daten
Laut Hersteller ist der Osprey Talon 22 ein leichter Multisport-Rucksack mit 22 Liter Volumen. Er besitzt das AirScape™-Rückensystem, eine verstellbare Rückenlänge, BioStretch-Schulterträger und einen BioStretch-Hüftgurt.
Die wichtigsten Daten und Ausstattungsdetails:
• Volumen: 22 Liter
• Gewicht laut Hersteller: ca. 1,08 kg
• AirScape™-Rückensystem
• Verstellbare Rückenlänge
• Zwei Hüftgurttaschen
• Großes Hauptfach mit Reißverschluss
• Außentasche für Kleinteile
• Stretch-Seitentaschen
• Trinkblasenfach mit Schlauchführung
• LidLock™-Helmhalterung
• Stow-on-the-Go™-Stockhalterung
• Eispickelhalterung
• Blinklichthalterung
• Farbe im Test: Frosty Mint Green

Erster Eindruck
Der Talon wirkt sauber verarbeitet, durchdacht und hochwertig. Nichts daran fühlt sich billig oder überladen an.
Er ist kein dünner Ultraleicht-Beutel, bei dem man sofort Angst hat, irgendwo hängen zu bleiben. Er ist aber auch kein sperriger Panzer. Genau diese Mitte passt für mich bei einem Tagesrucksack sehr gut.
Die Farbe Frosty Mint Green hat mich zuerst etwas skeptisch gemacht. Sie wirkt frisch und hell, aber bei einem Rucksack, der draußen verwendet wird, fragt man sich natürlich sofort, wie lange das schön bleibt. Gut gelöst finde ich, dass der Bodenbereich dunkler ist. Genau dort, wo der Rucksack beim Abstellen zuerst Kontakt mit Boden, Erde oder nassem Gras bekommt, ist er also nicht hell.
Auch die Aufteilung machte gleich einen guten Eindruck. Das Hauptfach lässt sich weit öffnen, die zusätzliche Kleinzeugstasche ist von außen zugänglich, die Hüfttaschen lassen sich angenehm öffnen und die großen Schlaufen an den Reißverschlüssen gefallen mir sofort.
Das sind Kleinigkeiten.
Aber bei Rucksäcken sind es oft genau diese Kleinigkeiten, die später entscheiden, ob man gerne hineingreift, nachjustiert, etwas verstaut oder genervt ist.
Sehr positiv aufgefallen ist mir auch die Rückenlängenverstellung. Bei vielen Rucksäcken ist das etwas, das man einmal einstellt und dann möglichst nicht mehr angreift. Beim Talon geht das wirklich schnell. Fast so selbstverständlich wie das Nachziehen der Schulterträger.
Beim ersten Aufsetzen passte der Rucksack bei mir sofort gut. Körpernah, angenehm, vertraut.
Aber das sagt bei einem Rucksack noch nicht viel.
Ob dieser erste gute Eindruck auch mit Gewicht, am Rad, auf Wanderungen und im Alltag trägt, musste sich natürlich erst zeigen.

Im Einsatz
Der ehrlichste Test kam gar nicht auf einer schönen Bergtour, sondern beim Einkaufen mit dem Fahrrad.
Ich hatte Kartoffeln, ein 6er-Tragerl Bier, Saft und Konserven im Rucksack. Also genau diese schwere, ungünstige Beladung, für die kein Tagesrucksack auf einem Produktfoto herhalten muss. Der Talon war bis oben voll.
Natürlich muss man bei so einer Beladung Brustgurt, Hüftgurt und Schulterträger ordentlich nachstellen. Einfach irgendwie aufsetzen und losfahren funktioniert da nicht.
Nach dem Einstellen saß das Gewicht aber erstaunlich nah am Körper. Auch mit dem E-MTB am Waldweg hat nichts unangenehm gewackelt. Keine lose Masse am Rücken. Keine verzögerten Fliehkräfte durch einen Rucksack, der hinten irgendwo sein eigenes Leben führt.
Das hat mich positiv überrascht.
Gerade bei so einem Einsatz merkt man schnell, ob Schulterträger und Hüftgurt nur auf dem Papier gut klingen oder ob sie wirklich etwas tun. Beim Talon tun sie etwas. Die Schulterträger sind für diese Rucksackgröße sehr gut konstruiert. Sie sind ausreichend gepolstert, aber nicht unnötig dick. Auch der Hüftgurt passt gut. Er ist am Rand schön breit, trägt angenehm und bietet zwei Hüfttaschen.
Der Atmos nimmt mit seinem deutlich steiferen Hüftgurt natürlich mehr Last auf. Dafür ist er beim Anlegen auch umständlicher. Beim Talon ist alles schneller, leichter und sorgloser.
Für einen Tagesrucksack finde ich das sehr gelungen.

Die zweite wichtige Nutzung war die normale Hausbergrunde.
Wasserblase, Regenjacke, kleine Jause und meine übliche Standardausrüstung. Also genau das, was bei mir bei einer kleinen Tour meistens dabei ist.
Dort war der Talon angenehm unauffällig.
Eigentlich ist das fast schwer zu beschreiben, weil er nicht groß auffällt. Und genau das soll ein Rucksack machen. Er soll nicht ständig spürbar sein, nicht drücken, nicht wackeln und nicht nerven.
Der Talon liegt angenehm am Rücken und fühlt sich nicht wie ein Fremdkörper an. Ich bin von Osprey bereits mehrere Modelle gewohnt und man merkt beim Talon schon diese Osprey-DNA. Für mich ist das fast der Komfort des Atmos auf einen Tagesrucksack reduziert.
Kein großes Deckelfach. Kein massiver Hüftgurt. Kein umständliches Anlegen.
Anziehen, kurz nachjustieren, los.
Das mag ich.
Was mir im Einsatz wirklich gut gefallen hat, war weniger irgendeine große Spezialfunktion, sondern die einfache Zugänglichkeit von Kleinkram.
Gerade mit Kindern hat man unterwegs ständig irgendetwas in der Hand. Einen Stein. Ein Schneckenhaus. Ein Stück Rinde. Einen Zapfen. Irgendetwas, das natürlich mitmuss, aber nicht unbedingt ins Hauptfach gehört. Genau dafür sind die Außentaschen am Talon richtig praktisch. Schnell hinein damit, weitergehen, fertig.
Auch für ein Müllsackerl, einen Wasserfilter oder andere Kleinigkeiten passen die seitlichen Taschen sehr gut. Man muss nicht jedes Mal den Rucksack abnehmen und das Hauptfach öffnen. Das mag ich an so einem Rucksack.
Die Seitentaschen haben aber auch eine Grenze.
Für Trinkflaschen sind sie grundsätzlich groß genug, aber während des Tragens komme ich nicht wirklich gut hin. Herausnehmen geht vielleicht noch. Wieder hineingeben eher nicht. Das ist beim Atmos besser gelöst.
Für mich ist das kein großes Problem, weil ich meistens mit Trinkblase unterwegs bin. Die Lösung dafür gefällt mir beim Talon sehr gut: Blase einschieben, aufhängen, Schlauch sauber führen, fertig. Wenn man den Schlauch außen nicht zu lang lässt, funktioniert das wirklich gut.
Wenn zu viel Schlauch frei hängt, muss man ihn immer wieder etwas zurückschieben, damit er nicht herumbaumelt. Das ist aber kein großes Problem.
Für Trinkblasen-Nutzer ist das sehr gut gelöst.
Wer aber gerne während des Gehens zur Flasche greift, sollte das wissen.
Als Taschen für Fundstücke, Müllsackerl, Filter oder Kleinkram: sehr gut.
Als wirklich gut erreichbare Trinkflaschentaschen während des Tragens: eher nicht.
Sehr praktisch finde ich auch das äußere Meshfach. Dort kann man zum Beispiel eine nasse Regenjacke verstauen, ohne sie ins Hauptfach zu stopfen. Das ist für mich draußen wirklich sinnvoll. Gerade wenn die Jacke nach einem Schauer feucht ist, will ich sie nicht zu Jause, Erste-Hilfe-Zeug oder Ersatzkleidung geben.

Die beiden Hüfttaschen sind ebenfalls angenehm. In einer Tasche hatte ich Schlüssel, Taschentücher und Taschenmesser. In der anderen mein Smartphone. Beide Taschen lassen sich gut einhändig öffnen und auch wieder schließen.
Ein Punkt ist mir aber aufgefallen: Mein Smartphone ist ein Samsung XCover 5 und damit eher klein im Vergleich zu vielen aktuellen Geräten. Das passt gerade so hinein. Am Volumen liegt es nicht, denn für Kleinkram sind die Taschen wirklich gut. Sie sind für größere Smartphones nur vermutlich etwas zu kurz.
Wer also ein großes Smartphone in der Hüfttasche tragen möchte, sollte das vorher testen.
Was der Talon sehr gut kann: Er liegt angenehm am Körper.
Nicht schwammig. Nicht weit weg. Nicht wie ein Rucksack, der hinten sein eigenes Leben führt. Gerade am Rad oder auf schmaleren Wegen gefällt mir das sehr gut, weil der Rucksack nahe am Rücken bleibt und nicht herumzieht.
Anziehen, kurz nachstellen, los.
Auch beim Wiederaufsetzen nach einer Pause hatte ich kein grausliches, kaltes, vollgesogenes Rückengefühl. Das Material am Rücken bleibt angenehm genug, auch wenn man geschwitzt hat.
Im Hochsommer wird ein stärker hinterlüfteter Rucksack sicher noch angenehmer sein. Aber für einen Rucksack, der auch am Rad, im Alltag, auf kleinen Touren und in kühleren Jahreszeiten funktionieren soll, passt dieser körpernahe Sitz für mich sehr gut.
Bei Hike-&-Bike-Einsätzen wurde die LidLock™-Helmhalterung interessant.
Ich habe diese Lösung vorher noch nie wirklich bewusst verwendet und muss sagen, dass sie mir sehr gut gefällt. Man steckt den Clip durch eine Belüftungsöffnung des Fahrradhelms, dreht ihn und der Helm hält.
Das geht schnell, elegant und stabil.
Für Fahrradhelme finde ich das wirklich hervorragend. Es ist so einfach gelöst, dass man sich fragt, warum das nicht längst überall so gemacht wird.
Aber es gibt auch eine klare Grenze.
Kletterhelme ohne passende Belüftungsöffnungen lassen sich so nicht befestigen. Das klassische Helmnetz wird dadurch also nicht komplett ersetzt. Gerade wenn man den Talon für Hike & Bike oder Klettersteig verwenden möchte, sollte man das wissen.
Mit Fahrradhelm: super.
Mit jedem Helm: nein.
Das System lässt sich auch nicht so schön zweckentfremden wie ein Helmnetz, wenn man kurzzeitig etwas außen befestigen möchte.
Stow-on-the-Go™ funktioniert auch beim Talon gut und ist eine elegante Lösung, wenn man zwei Wanderstöcke bei einer kurzen Kletterpassage schnell aus dem Weg haben möchte.
Für mich persönlich ist es nicht ganz so wichtig, weil ich meistens keinen klassischen Stock-Satz verwende, sondern eher einen langen Stock. Dafür ist das System nicht wirklich gedacht.
Für längere Verwahrung würde ich Stöcke sowieso hinten am Rucksack befestigen. Auch dafür bietet der Talon eine Möglichkeit.
Insgesamt passen die Außenbefestigungen gut zum Rucksack. Man kann schnell etwas verstauen, kurz etwas außen befestigen und den Rucksack je nach Einsatz etwas zweckentfremden.
Eine Skihalterung noch drauf und er wäre für mich noch näher an einem Rucksack für fast alles. Das ist kein wirklicher Kritikpunkt, weil der Talon kein Skitourenrucksack sein muss. Aber bei diesem Rucksack denkt man automatisch weiter.

Beim Regenschutz liegt für mich das größte Manko.
Die Regenhülle ist nicht im Lieferumfang enthalten. Man muss sie extra kaufen.
Das finde ich schade.
Bei einem Rucksack, der so stark auf vielseitige Einsätze zielt, gehört eine Regenhülle für mich einfach dazu.
Das äußere Meshfach ist zwar praktisch, gerade für eine nasse Regenjacke oder Dinge, die man nicht ins Hauptfach geben möchte. Es ersetzt für mich aber kein eigenes Regenhüllenfach.
Gerade bei einem Allroundrucksack ist eine Regenhülle nicht nur Regenschutz. Sie ist auch Schmutzhülle, Matschschutz am MTB und manchmal eine trockene Unterlage beim Pausieren.
Wenn ich den Rucksack in nasses Gras, Erde oder Matsch lege, ist eine solche Hülle einfach praktisch.
Kleine Regengüsse hat der Talon bisher gut weggesteckt. Schnee hatte ich wetterbedingt nicht mehr im Test. Es geht mir also nicht darum, dass der Rucksack sofort undicht wäre. Das wäre auch unfair.
Der Talon will ein Rucksack für viele Situationen sein. Alltag, Wandern, Rad, Hike & Bike, kleine Touren, vielleicht sogar sehr minimalistische Biwaksachen. Und genau dann möchte ich beim Wetterschutz nicht improvisieren müssen.
Mit passender Ausrüstung geht nämlich erstaunlich viel hinein. Sodass auch minimalistische Biwaktouren mit dem Talon möglich sind. Von der Länge passt ein Big Agnes Copper Spur 2 hinein. Dazu eine kleine Isomatte wie eine Exped SynMat und einen leichten Schlafsack wie einen Cumulus Lite Line.
Zu zweit, wenn die andere Person Essen und Kocher übernimmt, geht das wunderbar. Allein würde ich eher Biwaksack oder kleines Tarp, UL-Hobo und das Nötigste mitnehmen.
Natürlich ist der Talon kein Trekkingrucksack.
Aber er lädt dazu ein, mehr mit ihm zu machen, als nur eine normale Tageswanderung.
Und genau deshalb stört mich die fehlende Regenhülle.
Fazit
Ich muss sagen: Der Osprey Talon 22 ist für mich ein richtig starker Tagesrucksack.
Nicht, weil er irgendeine spektakuläre Einzelsache kann. Sondern weil er im Alltag, auf kleinen Touren, am Rad und auf der Hausbergrunde einfach funktioniert. Er sitzt gut. Er wackelt nicht. Er trägt sich angenehm. Er ist schnell eingestellt. Und er bietet für 22 Liter erstaunlich viele Möglichkeiten.
Genau das ist bei einem Tagesrucksack viel wert.
Besonders gut gefallen mir das Tragegefühl, die schnelle Rückenlängenverstellung, die Hüfttaschen, das praktische Hauptfach, die Trinkblasenlösung und die LidLock™-Helmhalterung für Fahrradhelme, sowie das Fach für Kleinzugs.
Der Talon ist kein Rucksack, der groß auffallen muss.
Er ist eher einer, den man ständig nimmt, weil er einfach passt.
Und genau das mag ich an ihm.
Die Kritikpunkte sind für mich trotzdem klar.
Die Regenhülle fehlt. Ein eigenes Bodenfach dafür fehlt ebenfalls. Die Hüfttaschen sind für große Smartphones wahrscheinlich zu kurz. Die Seitentaschen sind nicht ideal, wenn man während des Gehens aus Flaschen trinken möchte. Und LidLock™ ersetzt kein Helmnetz für jeden Helmtyp.
Das sind keine Katastrophen.
Aber bei einem Rucksack, der so nahe an dieser Eierlegendewollmilchsau dran ist, fallen genau solche Dinge eben auf.
So bleibt ein sehr guter, sehr vielseitiger und sehr angenehmer Tagesrucksack mit einer Lücke, die aus meiner Sicht nicht sein müsste.
Bei mir ist er dennoch der neue Standard geworden.